Björn Tag 5

Moin, 


ich habe es geschafft und bin wohlbehalten in Stettin angekommen. 


Vielen Dank für die zur Verfügungstellung dieses tollen Tracks. Hat mir richtig Spaß gemacht! 


Ich wünsche allen Hanse Gravel Pilotinnen und Piloten alles Gute, freie Fahrt, stets genug Luft auf den Reifen und dass ihr gesund und guter Dinge in Stettin ankommt! Das wird bestimmt ein richtig tolles Gemeinschaftserlebnis. Freue mich, Euch ein wenig virtuell verfolgen zu können. Am Samstag werde ich noch bis ca 16 Uhr auf der Velo Berlin sein. Mit ganz viel Glück bekomme ich ja sogar einen oder eine von euch noch zu sehen. Würde mich sehr freuen! 


Liebe Grüße, 


Björn 


Tag 5


Nach einer ruhigen Nacht freue ich mich über das relativ trockene Zelt und noch mehr über das 4-lagige und herzallerliebst gemusterte Toilettenpapier. So ein schönes hatte ich noch nie auf Reisen.


Der Weg bis Anklam ist für Asphalt Piloten ideales Revier. Wer jetzt noch kann, kann hier schnelle Kilometer machen. Von Anklam führt die Trail Schleife zurück durch ein Naturschutzgebiet. Eine urig- bizarre Moorlandschaft, durch welche ein Deich-Radweg führt. Zu rockigen Klängen rollt es sich wunderbar und mir geht es saugut. Tänzelnd das ein oder andere Foto gemacht  und mitgegrölt zu "Sabotage" und "Are you gonna go my way?“. 


Vor mir liegt eine kleine tote Feldmaus. Mein Schweizer Taschenmesser hat damit aber nichts zu tun. Vielleicht war sie auch auf dem Hanseatenweg unterwegs und hat sich übernommen?  Sicher dient sie als Mahnung für all jene, die den nicht für Warmduscher geeigneten Hanse Gravel ab Donnerstag fahren werden und dabei nicht wie meiner einer herum bummeln, sondern das Ganze wohlmöglich in einem Drittel der Zeit wegschnupfen. 


Bei einer netten Sitzgelegenheit findet sich versteckt in einem Baum ein kleines Gästebuch. Es wird aufgefordert, sich doch bitte einzutragen. Dem entspreche ich doch gerne.


Von Leopoldshagen bis Mönkebude liegt ein Hammer Singletrail, der geballert werden muss. Die Schmerzen der Achillessehne vergessend und die Zähne zusammenbeißend wird noch mal Druck auf die Pedalen gegeben und der Trail so schnell genommen, wie die eigene Körper- und Radbeherrschung es zulassen. 


Ich rolle in Mönkebude wie ein Gladiator in die Arena ein. Am liebsten würde ich die Arme hochreißen, mein Schweizer Taschenmesser gegen den Himmel strecken und mich gebührend von den Einwohnern des Dörfchens feiern lassen. Nur dass keiner im Vorgarten steht und mir mit einem Fähnchen winkt. Was solls? Ich jedenfalls schmecke schon ein wenig den kommenden Sieg. 


In Ueckermünde wird auf dem Marktplatz ein DDR Jägerschnitzel einverleibt. Schon auf der Bank sitzend, bekomme ich mit, wie ein wohl Obdachloser versucht, für seine 80 Cent eine Bratwurst zu bekommen. Die Verkäuferin bietet ihm stattdessen einen Kaffee an, der sonst mit einem Euro zu Buche schlägt. Als der Martin  sich eine Bank weiter setzt, erlaubt er es mir, ihn auf eine Bratwurst einzuladen. Er bedankt sich mit den Worten: "Vielen Dank, der liebe Herr." Seine Hände zittern, obwohl er nicht nach Alkohol riecht. Vielleicht ist er auf etwas stärkerem. Methadon oder so. Wie auch immer er in diese Lage gekommen ist, ob verschuldet oder unverschuldet, tut er mir einfach leid. Während ich rein zu Freizeitzwecken mal eine Nacht auf dem Feld verbracht habe, leben Menschen wie er Tag für Tag auf der Straße. Nur meist ohne Isomatte und Schlafsack. An Martin werde ich im Laufe des Tages noch einige Male denken müssen. 


Aus der Brot - und Feinbäckerei Mietzner hole ich  für später ein Stück Bienenstich. Ein alteingesessene, kleiner Laden. Gleich hinter dem Tresen ist durch die geöffnete Tür die Backstube zu sehen. Darüber steht: "Hier kommt die Ware nicht vom Band, hier schafft man noch mit Herz und Hand". Und das ganze zu sehr moderaten Preisen. Auf die Geschäftszeiten sind old-school. Werktags bis 17 Uhr geöffnet und sonnabends von 6 Uhr bis 10 Uhr. Der Bäckermeister ist bereits 63 Jahre alt, ein Nachfolger nicht in Sicht. Damit wird auch diese Bäckerei wahrscheinlich bald verschwunden sein.


Irgendwann stehen nur noch 50 Restkilometer auf dem Tacho. Jetzt wird runter gezählt. 50 km, 40 km, 30 km. 


Die letzten deutschen Dörfer werden unter die Räder genommen: Glashütte, Grünhof und Blankenese. Und rein nach Polen. Noch 25 km. 


Bis Stettin ist es auf polnischer Seite sehr unangenehm zu fahren. Es herrscht starker Autoverkehr und hier wird scheinbar noch weniger für die Radwege Infrastruktur getan als in Deutschland. Man ist dem Verkehr schutzlos ausgesetzt, besonders zum Rand hin sind viele Schlaglöcher zu finden. Und die Autos überholen erwartungsgemäß knapp.


Ich freue mich jedenfalls, als das Navi mich in Stettin rechts in den Wald und abseits des Straßenverkehrs führt. Ein- zweimal verheddere ich mich, doch dann erreiche ich um 18.15 Uhr mein Tagesziel: das Novotel in Stettin.


Laut meinem Wahoo sind 603 km zusammen gekommen und seit Samstag sind 102 Stunden vergangen. Bestimmt habe ich es gegenüber dem einen oder anderen schon erwähnt. In der achten oder neunten Klasse stand in meinem Realschulzeugnis: "Björn trug gegenüber den Anforderungen des Faches Sport demonstrative Gleichgültigkeit zur Schau." Auch vor diesem Hintergrund habe ich mich respektabel geschlagen und kann zufrieden sein. 


Ich freue mich schon darauf, die Teilnehmer des Hanse Gravel nach Start am Donnerstagmorgen  virtuell verfolgen zu können. Ich schicke für die Interessierten mal einen Screenshot mit, auf welchem die Teilnehmer schon jetzt als Punkt erkennbar sind. Nennt sich Dot-watching. Da ist dann auch zu sehen, wann wer wo welche Geschwindigkeit fährt. Ich nehme an, der letzte Abschnitt wird zu den schnelleren gehören, denn mit kaum Steigung lässt er sich flott fahren. Auch ich war ausnahmsweise heute mal schneller als in den letzten beiden Tagen.


Die erste, größere Etappe ist geschafft. Jetzt geht es morgen und übermorgen noch bis nach Berlin, genauer zur Velo Berlin.


Ein Fahrrad wird wohl doch nicht gekauft, aber vielleicht eine neue Klingel. Denn zur Feier des Tages habe ich mich entschlossen, statt auf dem Campingplatz im Hotel zu nächtigen. Das neben dem Novotel gelegene Ibis wurde im Internet gebucht, da ich - Schussel, der ich nun mal bin - weder meine Kreditkarte dabei habe noch polnische Zloty. Ich muss gestehen, dass ich das überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, dass die Polen eine eigene Währung haben. Mit der Allgemeinbildung ist es bei mir leider nicht so weit her. Zu "Wer wird Millionär?“ brauche ich mich jedenfalls nicht anzumelden, um mich dort der Lächerlichkeit preiszugeben.


Bei der Buchung des Zimmers ist dann allerdings  das ein oder andere schiefgegangen. Doch all die Details zu erwähnen wäre zu ermüdend. Und der Schmerz ist noch zu frisch. Im Nachhinein wäre der Campingplatz nicht nur die um den Faktor zehn günstigere Alternative gewesen, sondern wohl auch deutlich stressfreier. Um das wieder halbwegs zu kompensieren, werde ich wohl die nächsten zwei Nächte wieder im Feld schlafen müssen. 


Nun denn... Ich will mich nicht grämen, denke noch mal an Martin und genieße meine heiße Dusche und das weiche Bett.

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Kommentare: 3
  • #1

    Sergio (Sonntag, 28 April 2019 17:42)

    Ganz viel Lob für deinen Blog. Hat totalen Spaß gemacht, ihn zu lesen. �

  • #2

    JH (Sonntag, 28 April 2019 17:48)

    Sehr, sehr schön deine Tagesberichte aus dem Hanseatenweg. Danke dafür!!!

  • #3

    Björn (Sonntag, 28 April 2019 20:24)

    Vielen Dank Euch Beiden!
    LG aus Bremerhaven